Elbkinder-Tagebuch Pfingsten 2008
7. Mai
Anreise mit dem Zug, schönes Maiwetter, Rapsfelder, nach Dresden Elbsandsteingebirge, sächsische und böhmisch Schweiz, eine der schönsten Bahnstrecken Europas. Ankunft in Kolin nad Labem (an der Elbe). Abholung durch Daniela Cervenclova. Die Vorfreude ist auf beiden Seiten groß. Schöne, frisch renovierte Zimmer im Schloss von Georg von Podebrady.
Erstes Treffen mit Vera Fronkova und ihrer Familie zum Sonnenuntergang mit Begrüßungsgetränk im traditionellen Gartenlokal Cidlina, direkt an der Elbe, Radler und Inliner-Paradies. Die Elbe fließt hier recht beschaulich daher, Mückenschwärme gibt es zum Glück nur auf dem Wasser. Ein Golfplatz, eine kleine Ausflugseisenbahn, hier könnte man es auch länger aushalten. Die meisten Geschäfte in Podebrady schließen im 17:00 Uhr, davon profitiert offenbar das Freizeitleben vieler Familien. Abends im Hof des Schlosses mit Gauklern, Ritterspielen und Feuerschluckern. 550. Jahrestag der Inthronisation des Georg von Podebrady, einer der ersten wahren Europäer.
8. Mai
Jahrestag der Befreiung vom Faschismus. Kundige Stadtführung des in Hamburg geborenen Herrn Langer. Kleine, sehr beliebte grüne und blumenreiche Kur- und Ausflugsstadt, eine Stunde von Prag entfernt. Geschichtsträchtiger Ort an der Furt, alter Handelsweg nach Schlesien.
Kleine Episode am Rande: Kleine Pfadfinder stehen Mahnwache für ein Opfer des Faschismus mit Wachwechsel. Tiefer Eindruck, der ein längeres Nachdenken auslöst.
Besichtigung der großzügig angelegten, wundervoll gepflegten und vor allem von Familien und älteren Kurgästen sehr gut besuchten Kurparks. Unsere Spielstätte mittendrin. Kleine Elbfahrt durch die Schleuse elbaufwärts (Richtung Süden!) nach Cidlina (die Gaststätte, der Biker- und Inliner-Treffpunkt). Kapitän Mirek, vom Ausflugsschiff König Georg, erzählt von seiner Zeit auf dem tschechischen Kontorschiff im Hamburger Saalehafen.
Der Abend auf der Terrasse der Schlossrestaurants lässt einen sonnigen Tag ausklingen. Danach noch ein intensives Ringen um die optimale Programmfolge und die Wechsel der Chöre auf der Bühne. Wir gehen in sehr guter Stimmung auseinander und müde ins Bett.
9. Mai
Gemütliches Frühstück, dann Besuch in der "Glasfabrik Lion", bzw. das, was von ihr übrig blieb - ein Betrieb der im Sandstrahlverfahren fertige Glaselemente wie Gläser und Pokale beschriftet und verziert. Hier entsteht die Idee, ein Elbkinderland-Präsent aus Glas mit unserem Fisch-Logo als Prototyp herstellen zu lassen. Das könnte ein schönes Souvenir und Dankeschön für Chöre sein, die sich an unseren Begegnungskonzerten beteiligen.
Es folgt ein sehr ruhiger Mittag in der Kuranlage, wo wir uns bei einem frühen Mittagessen schon fast selber wie Kurgäste fühlen. Das ist aber nur die Ruhe vor dem Sturm, denn ab 14.00 Uhr kommen die Kinder. Herzliche Begrüßung, traditionell mit Brot und Salz, vor der Schule, in der alle Kinderchöre einquartiert sind. Für jeden Chor sind drei größere Mädchen aus dem Kvitek-Chor als Scouts eingeteilt. Das Fieber steigt, die Stimmung ist optimal, das Wetter spielt mit. Um 16:00 Uhr kommt Michael Gundlach mit unserem Techniker Martin an. Nun warten wir nur noch auf den Bus der Lütt Finkwarder Speeldeel, dann ist die Besetzung bis auf die Deutsche Schule Prag komplett.
10. Mai
Nach dem Frühstück eine morgenfrische, sonnige Schiffsfahrt mit 100 Kindern nach Nymburk. Auf dem Schiff singen die Dölzschner Spatzen und Kvitek "Koraby", das Lied von den Schiffern auf der Elbe, in deutsch und tschechisch. Unter Deck singen die Großen allein und mit Rolf Zuckowski "Children Of Europe". Es folgt eine offene Probe auf einer großen, grünen Freifläche unterhalb der malerischen Stadtmauer von Nymburk. Das Ganze mutet an wie ein riesengroßes Familienpicknick an einem der schönsten Plätze, die man an der Elbe finden kann. Ein kleines, einheimisches Publikum hat seine Freude und uns freut die spontane Einbeziehung einer Hochzeitsgesellschaft, die sich an der Stadtmauer zum Hochzeitsfoto versammelt hat.
Am Abend Anlieferung der Bühne, Diskussionen um den Standort und die Höhe. Dann ein schönes, uns völlig überraschendes Abendfest im Schlossgarten mit der Übergabe von Gastgeschenken, Gläsern und einem Krug aus böhmischem Kristallglas, sowie artistischen Darbietungen einer Weltmeisterin im Stabtanz und einer Feuerartistin aus dem Kvitek-Chor. Dann die unvermeidliche gründliche Absprache des endgültigen Ablaufs im Detail mit allen Organisatoren und der sehr aufnahmebreiten und einfühlsamen Moderatorin Jana Olsakovsky.
11. Mai
Treffpunkt Bühne im Kurpark um 7:00 Uhr für die Techniker, um 8:30 Uhr für das Organisationsteam. Einrichtung der Beschallungsanlage mit den üblichen kleinen Hindernissen, aber ohne Stress. Um 9:00 Uhr treffen die Kinder der Deutschen Schule Prag ein. Kleine Einstimmung auf den Ablauf, da diese Kinder leider nicht an den Gruppenerlebnissen der letzten beiden Tage teilnehmen konnten. Sie haben dadurch leider sehr schöne und prägende Erlebnisse nicht miterlebt. Ab 10:30 dann Probe mit allen. Immer besonders spannend bei solchen Festivals: Opening und Finale. Wie passen alle Kinder auf die Bühne und vor die Bühne? Finden alle 235 Mitwirkenden ihre Plätze auch schnell wieder? Alles klappt erstaunlich reibungslos. Gut, dass wir am Vortag vor der Stadtmauer von Nymburk unsere offene Probe hatten.
Unsere Moderatorin Jana ist bestens vorbereitet und fügt sich schnell in den abwechslungsreichen Ablauf ein. Petr Skoumal findet einen freundschaftlichen Zugang zu allen tschechischen Chören, man kennt seine Lieder und singt sie wie selbstverständlich mit.
Die vielen Wechsel der Mikrophonpositionen meistern zwei erfahrene Musiker der Finkwarder Speeldeel, Michael und Wolfgang. Die Bühnenmaße von zwölf mal sieben Meter erweisen sich als ein gutes Maß, auch für die Tänze der Lütt Finkwarder Speeldeel. Wir bleiben insgesamt im Zeitplan und gehen recht gelassen und doch mit Lampenfieber in das Konzert, das um 15:00 Uhr beginnt. Bei den Wechselgesängen in deutsch und tschechisch und das gleichzeitige Singen in beiden Sprachen, springt der Funke zum Publikum schnell über.
Zu unseren bewährten Liedern "Europa Kinderland" und "Lieder, die wie Brücken sind" kommt das Elbschifferlied "Koraby" hinzu. So wächst langsam aber beständig ein deutsch-tschechisches Liederbuch heran. Der neue Song "Children Of Europe" wird von den Kindern und Jugendlichen besonders begeistert und mit vollem Körpereinsatz gesungen. Im Repertoire der Chöre begegnen sich das Heute und Gestern. Traditionelle Lieder werden in allen Chören gepflegt und zum Teil mehrstimmig gesungen. Neues Liedgut gibt dem Lebensgefühl von heute in Tschechien wie in Deutschland seinen musikalischen Ausdruck. Die Kinder beobachten sich gegenseitig aufmerksam und unterstützen sich durch viel freundschaftlichen Applaus.
In den Chören sind Kinder von 6 bis 18 Jahren vertreten, erstaunlich, wie selbstverständlich dieses Miteinander der Altersgruppen beim Singen wirkt. Unser Publikum besteht ebenfalls aus allen Generationen. Die jungen Familien, vor allem wohl aus dem Umfeld der mitwirkenden Chöre, sind ebenso vertreten, wie ältere Menschen aus Podebrady, zu denen offenbar auch zahlreiche Kurgäste gehören.
Der Bürgermeister der Stadt, in der vor 550 Jahren der europäische Friedensstifter König Georg von Podebrady gekrönt wurde, begrüßt die Gäste wie die Einheimischen und freut sich sehr über diesen frischen Zukunftsimpuls für seinen geschichtsträchtigen Kurort an der Labe/Elbe. Unsere wortgewandte und charmante Moderatorin, Jana Olsakovsky, verbindet die Auftritte der tschechischen Chöre mit kurzen Interviews von Chorkindern, die das Publikum aufmerksam verfolgt, wir aber leider nicht verstehen können. Ein Grund mehr, tschechisch zu lernen. Die Übersetzung unserer Liedinhalte und die Ankündigung der Chöre liegt bei Daniela Cervenclova in besten Händen. Sie spricht fließend deutsch und ist in vielfacher Hinsicht Herz und Motor dieser Elbkinderbegegnung.
Im Finale hat die Stimmung eine Intensität erreicht, die allen Anwesenden, ob jünger oder älter, tief unter die Haut geht. Angesichts der Geschichte unserer beiden Länder ist dieses Konzert ein Signal der Zuversicht in eine gute Zukunft mit kultureller Eigenständigkeit auf beiden Seiten und partnerschaftlicher Gemeinsamkeit, aus der mit viel Geduld und Beharrlichkeit auch Freundschaften wachsen werden. Einige dieser Freundschaften haben wir Erwachsenen bereits in diesen unvergesslichen Tagen gespürt.
Danke Vera Fronkova und der Elterngemeinschaft von Kvitek für die große Herzlichkeit, die großzügige Versorgung und die vielen Ideen, mit denen Ihr Eure Gäste überrascht habt. Danke Daniela Cervenclova! Das Elbkinderland hat in Dir eine großartige Verbündete gefunden. Wir blicken mit großer Vorfreude auf die Möglichkeiten, die sich in Deiner Heimat, dem Polaby an der Labe, abzeichnen.